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„Justin Bieber ist eine Schlampe der Musik-Industrie“ – Interview mit Bill Ryder-Jones

Bill Ryder-Jones Interview
Pressefoto: Domino Recording Company

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„Justin Bieber ist eine Schlampe der Musik-Industrie“ – Interview mit Bill Ryder-Jones

Bill Ryder-Jones unterstützt zusammen mit seiner Band Mumford & Sons auf deren aktuellen Tour als Support-Act. Unmittelbar vor seinem Auftritt in München stand uns der Sänger, der u.a. schon bei The Coral und Arctic Monkeys als Musiker aktiv war, für ein gutgelauntes Interview bei einem Gläschen Wein in den Katakomben der Olympiahalle zur Verfügung.

museek: Wie ist es so, mit Mumford & Sons auf Tour zu sein?

Bill Ryder-Jones: Es ist vor allem eines: unheimlich groß. Die Hallen sind riesig, die ganze Produktion ist riesig und es sind auch einfach verdammt nette Typen. Viele Bands würden Geld dafür bezahlen, um den Support für Mumford & Sons zu machen und uns haben sie angerufen. Das ist so verdammt unglaublich.

Euer Tourplan ist sehr straff, ihr steht fast jeden Tag auf der Bühne. Verlierst du da manchmal den Überblick, in welcher Stadt du gerade bist?

Das kommt tatsächlich ab und zu vor. Vor allem, wenn wir an mehreren Tagen hintereinander in unterschiedlichen Ländern spielen. Ich schicke aber meiner Freundin aus jeder Stadt in der wir spielen eine Postkarte. So weiß wenigstens eine Person, wo ich wann war. (lacht)

Wie unterscheidet sich die Tour mit Mumford & Sons zu deinen Touren mit The Coral oder den Arctic Monkeys?

Oh Gott, wo soll ich da anfangen? Wie schon gesagt ist einfach alles an dieser Tour so viel größer als alles, was wir bisher gemacht haben. Es ist alles unheimlich professionell und durchstrukturiert. The Coral waren bzw. sind ja eher eine Liebhaberband. Das merkt man natürlich auch an der Größe des Publikums. Und wir sitzen nicht mehr in einem kleinen, versifften Backstage-Raum, sondern haben auf der aktuellen Tour viel Platz für unsere privaten Sachen. Es ist ganz einfach eine ganz andere Dimension. Irgendwie verrückt, oder?

Hast du vor Auftritten irgendwelche Erwartungen an eine Show oder lässt du alles einfach auf dich zukommen?

Erwartungen ist vielleicht zuviel gesagt. Wir versuchen den Fans einen tollen Abend zu bescheren und unser Bestes zu geben aber das sollte eigentlich für jeden Musiker gelten. Immerhin zahlt man als Fan mittlerweile teils krasse Ticketpreise und dadurch sind die Erwartungen wohl eher beim Publikum als bei der Band selbst.

Ist es „einfach“ als Support-Band vor Tausenden von Leuten zu spielen, wenn eigentlich alle nur auf den Hauptact warten?

Einfach ist es eigentlich nie. Weder als Support, noch als Hauptact. Wenn du dir bei einer Sache zu sicher bist, geht sie meistens schief. Wir waren vor der Tour wirklich aufgeregt und gespannt, wie die Reaktionen auf uns und unsere Musik sein werden. Glücklicherweise wurden wir bisher sehr gut empfangen und hatten nicht das Gefühl, die Leute würden sich wünschen, dass unser St schnellstmöglich wieder vorbei ist. Aber trotz dieser positiven Erfahrung darfst du als Musiker nicht nachlassen und musst dich jeden Abend wieder auf’s Neue vor einem anderen Publikum beweisen. Das ist aufregend und spannend, macht aber auch unheimlich viel Spaß. Uns zumindest.

Du hast mal gesagt, du würdest Musik im Schlafzimmer machen für Leute, die deine Musik im Schlafzimmer anhören. Das Schlafzimmer ist ein ziemlich intimer Bereich. Jetzt spielst du vor 15.000 Leuten. Spielst du nun also lieber in großen Hallen oder in kleinen Clubs?

Ich denke, Musik ist auch eine ziemlich intime Sache. Wenn du nicht gerade darüber schreibst, wie toll das Wetter ist oder sowas in der Richtung. Beim Songwriting entblößt du ja auch ein Stück weit deine Seele und deine Gedanken. Wenn du dann auf der Bühne stehst ist es eigentlich egal, ob fünf oder 50.000 Leute vor der Bühne stehen. Wenn du mit dem Herzen nicht dabei bist, dann ist es eigentlich egal, ob du in einer großen Halle oder einem kleinen Club verkackst. Sowas spricht sich rum und dann war’s das ganz schnell. Klar finde ich es mega mit Mumford & Sons in solchen Arenen zu spielen aber ich bin genauso Fan von kleinen, verschwitzen Club-Konzerten.

Dein Künstlerprofil auf der Webseite deiner Plattenfirma beinhaltet folgenden Auszug: „Die Songs auf Bill Ryder-Jones drittem Soloalbum West Kirby County Primary sind teilweise sehr privater Natur, die in einer Zeit entstanden sind, in der du starke Selbstkritik geübt hast. Ist Musik also deine Art, mit Problemen umzugehen? 

Ja klar, in gewisser Weise schon. Ich war lange Zeit Jemand, der nicht mit Anderen über seine Probleme sprechen konnte. Sei es aus Scharm, Eitelkeit oder anderen Gründen. Ich habe dann meine Gedanken aufgeschrieben und in Metaphern verpackt. Schreiben befreit. Ich meine, mittlerweile habe ich mich meinen Mitmenschen etwas mehr geöffnet und ich spreche es auch aus und an, wenn ich Probleme habe oder es mir schlecht geht. Das macht Vieles verdammt viel einfacher. Ich kenne genug Musiker, die das nicht tun. Ich nenne jetzt keine Namen aber denen wird es genau deshalb immer schlecht gehen. Wer sich nicht Anderen gegenüber öffnet, frisst seine Frustration immer weiter in sich rein und findet keinen Ausweg. Ich bin froh, dass ich das überstanden und überwunden habe.

Die meisten Plattenlabels beurteilen Musiker danach, wie erfolgreich sie sind und wieviele Platten sie verkauft haben. Würdest du jemals etwas an deiner Art Musik zu machen ändern, nur um erfolgreicher zu sein und mehr Aufmerksamkeit zu bekommen?

Nein, nie. Wir haben das Glück mit Domino Records ein wirklich tolles Label zu haben, die uns viel Freiraum für unser kreatives Schaffen lassen. Dafür bin ich, sind wir, sehr dankbar und versuchen es mit guten Auftritten und guten Songs zurückzugeben.

Was bevorzugst du: Ein „ehrlicher“ Musiker zu sein, der weniger Erfolg hat oder ein erfolgreicher Musiker zu sein, der nicht ehrlich zu sich selbst ist?

Was denkst du denn darüber?

Ganz klar Ersteres, oder?

Das ist es. Ich meine, ich will mir selbst doch nichts vormachen müssen. Mir ist wichtig, dass ich zu dem stehe, was ich tue. Schau dir doch zum Beispiel mal Justin Bieber und die anderen Freaks im Musikbusiness an. Justin Bieber ist für mich kein Musiker, sondern bestenfalls ein Entertainer. Wenn überhaupt. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass er mit seiner aufgesetzten Art eine Schlampe der Musikindustrie ist. Da geht es doch nur darum, sich selbst perfekt zu inszenieren und den jungen Mädels bzw. deren Eltern das Geld für Konzertkarten und Merchandise aus der Tasche zu ziehen. Das ist absolut nichts für mich, da könnte ich nicht mehr ruhigen Gewissens in den Spiegel schauen. Wenn du dich wie dieser Typ so dermaßen Instrumentalisieren lässt, nur um damit Kohle zu verdienen, dann hat das aus meiner Sicht nichts mehr mit Musik zu tun. Da spiele ich lieber vor weniger Fans, die wegen der Musik da sind und nicht weil ich mal wieder ein obercooles Foto bei Instagram oder Facebook hochgeladen habe, auf dem ich mit freiem Oberkörper posiere. Das ist lächerlich und auch irgendwie krank.

Du spielst mit deiner Band Ende Mai beim Sound City Festival in Liverpool, bei dem auch deine alte Band The Coral auftritt. Gibt es Pläne, dort wieder zusammen mit ihnen aufzutreten oder ist das Kapitel für dich abgeschlossen?

Das Kapitel The Coral ist für mich definitiv abgeschlossen. Es war eine wirklich großartige Zeit mit ihnen aber es ist vorbei. Natürlich kann ich verstehen, wenn Fans ihre musikalischen Helden nochmal in Originalbesetzung sehen wollen. Aber sind wir mal ehrlich: Bei den „Musik-Dinos“, die sich schon vor ewigen Zeiten getrennt haben, ist das ein weitaus reizvollerer Gedanke als bei The Coral. Noch einmal zu den alten Songs von früher abfeiern, noch einmal deine Idole auf der Bühne sehen. Aber selbst die leben von ihren uralten Hits, also sozusagen in der Vergangenheit, ohne Perspektive, dass da nochmal was Gutes oder Erfolgreiches nachkommt. Ich schaue jedoch lieber nach vorne und genieße das Hier und Jetzt.

„Hier und Jetzt“ ist ein gutes Stichwort, ihr müsst auch in fünf Minuten auf die Bühne. Vielen Dank für das interessante Interview!

Ich habe zu danken, war ein wirklich cooles Interview. Viel Spaß bei der Show!

 

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